Sprach-Rassismus

19 Jan

big_3412938b20(via) Chicca Silva

Ich kriech Pusteln! Dicke, aufgeregte, hyperventilierende Pusteln, wenn ich mitverfolge, was zur Zeit in der Presse schwirrt und wie viele Deutsche darauf reagieren: Es geht um die sogenannte „Neger-Debatte“, um die Nachzensierung von Kinderbüchern, in denen rassistische Begriffe auftauchen und die Pseudoauseinandersetzung mit dem ach-so-wichtigen-Erhalt unserer Kindheitserinnerungen, die durch diese Neuerungen scheinbar ausgelöscht würden.

Familienministerin Kristina Schröder, an der ich sonst eher zweifeln mag, brachte die Debatte kurz vor Weihnachten erneut (es ist nicht das erste Mal, dass sich die weiße Mehrheitsgesellschaft herausnimmt, andere Gruppen zu benennen und dann beleidigt ist, wenn diese das nicht in Ordnung finden) ins Rollen und erklärte, dass sie ihrem Kind beim Vorlesen alter Kindergeschichten Begrifflichkeiten wie den „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf oder das „Neger-Baby“ in Jim Knopf vorenthalte und synchron versuche jene zu Umschreiben und umzubenennen. Sobald das Kind alt genug sei, werde sie ihm erklären, wo das N-Wort herkäme und auf welcher Geschichte es basiere. DAS ist der einzig richtige Ansatz mit dieser Problematik umzugehen. Oder eben, und das finde ich in Anbetracht der Zeit, in der wir leben, noch angemessener: Diese Geschichten werden neu aufgesetzt und entsprechend angepasst – nämlich so, dass keine Begriffe mehr auftauchen, die die Vormachtstellung der Weißen gegenüber anderen Gruppen betonen.

Diesen Ansatz verfolgen bereits die Verleger des Oetinger Verlags, die u.a. für die Übersetzung von Pippi Langstrumpf zuständig sind, indem sie Worte wie „Neger“ und „Zigeuner“ aus ihren Übertragungen streichen und nun auch, wie Anfang des Jahres verkündet, die Herausbringer von Jim Knopf, der kleinen Hexe und Co.: der Thienemann Verlag. Laut Verleger Klaus Willberg würden die Begriffe dabei nicht ersetzt, sondern ganz gestrichen. Immerhin bringen sie den Geschichten keinen Mehrwert, sondern liegen dort nur eingemottet und erinnern an eine Zeit, in der Minderheiten unterdrückt und vernichtet wurden…

Nun gibt es im deutschen Zeitungswesen einige Hochkaräter, die sich mit dieser längst überfälligen Neuerung so gar nicht anfreunden können und eine Sprechscheiße von sich geben, von der sich scheinbar halb Deutschland mitreißen lässt. Angefangen beim Literaturgeist Ulrich Greiner, nunmehr Kulturkorrespondent der Zeit, bricht eine Lawine des Konservativismus los, auf die auch Jan Fleischhauer, S.P.O.N.-Kolumnist des Schwarzen Kanals, aufspringt und gefühlt 98% der Spiegel-Online Leser aus dem Herzen spricht*: „Neger“ sei ein schützenswerter Begriff, an dem kindliche Erinnerungen hängen, immerhin habe man früher nur Positives damit konnotiert. Toll find ich dazu die Argumentation der lateinischen Ableitung: „Niger, -gra, -grum: „Neger“ bedeutet „Schwarzer“. Was sage ich stattdessen?“, natürlich auch mit spanischem Pendant: „da sagt man doch auch negro“ und dann mit der Zugabe eines völlig veralteten Youtube-Videos, in dem „unser“ scheinbar in der deutschen Fernsehgeschichte einflussreiche „Lehrer Doktor Specht“ eine fast schon wahngesteuerte Hasspredig auf die political correctness hält. Diese Herleitung ist schwachsinnig und völlig überflüssig: In Deutschland sprechen wir nun mal kein Spanisch und hier wurde auch nie „negro“, sondern „Neger“ gesagt – ein Begriff, der sich „[e]rst mit [der] Etablierung der eng mit der Geschichte von Kolonialismus, Sklaverei und Rassentrennung verbundenen Rassentheorien und der inzwischen überholten Vorstellung einer „negriden Rasse“ […] ab dem 18. Jahrhundert in der Gelehrten-, wie auch in der Literatur- und der Alltagssprache ein[bürgerte].“ (Wikipedia)

Fleischhauer erklärt zu diesem Thema, er habe „noch nie einen Schwarzen getroffen, der daran Anstoß genommen hätte, dass in Deutschland über Jahrzehnte die berühmten Negerküsse und Mohrenköpfe verkauft wurden“. Vielleicht ergehe es den Schwarzen, die der Journalist treffe, wie den Berlinern, denen es herzlich egal sei, wie die entsprechenden Krapfen hießen. Moment, ich muss brechen, bin gleich wieder da…Die Mädchenmannschaft reagiert trefflich: „Nun ist es keine leichte Kost Begriffe aus der Kolonialzeit mit Namen regionaler Spezialitäten zu vergleichen, aber Herr Fleischhauer macht das. […] Da findet analoges Denken auf Level Minus 100 statt.“

Es ist Anmaßend und unerträglich, was auf Spiegel-Online, in vielen Foren und Blogs zu diesem Thema zu lesen ist. Es ist genau das, was Noah Sow in ihrem vielzitierten „Deutschland Schwarz Weiß“ als das Privileg der Weißen bezeichnet: Die Menschen zu benennen und eigenmächtig in Grüppchen einzuteilen. Fremddefinition ist auch Fremdbestimmung, was man als Weißer jedoch nie zu spüren bekommt, weil man sich nie damit auseinandersetzen musste, das man weiß ist. In diesen Debatten geht es immer um die Bezeichnung anderer, nicht um die als selbstverständlich wahrgenommene Eigenbezeichnung. Wir kommen auf die Welt, werden als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft betrachtet, sind keine Fremden und müssen uns auch nicht jedes Mal erklären, aus welchem Land wir WIRKLICH kommen, wenn unsere Antwort „Deutschland“ ist. Wir können! nicht wissen, wie es ist rassistisch beleidigt zu werden und nehmen uns dann auch noch heraus, über einen Begriff zu diskutieren, der für die Betroffenen Rassismus in Reinform bedeutet. Diejenigen, die behaupten, man dürfe nicht an deutschem Kulturerbe herumschrauben und müsse die Sprache der Kinderbücher erhalten, sind einseitig. Sie argumentieren mit veralteten Aussagen und scheinen frei von Empathie und sachlogischem Verständnis zu sein. Das Wort „Neger“ entstammt der „Definitionsmacht“ weißer Deutscher und geschieht heutzutage in ausschließlich beleidigendem und exotisierendem Kontext. Es hat rein gar nichts mit meiner Kindheit oder der Gesellschaft zu tun, in der ich heute leben möchte! Also ab dafür…

*zu finden in den Kommentaren der SPON-Artikel von Jan Fleischhauer und Georg Diez, dem ich an dieser Stelle noch danken möchte, dass er die Fahne hoch hält und sich in die Schlacht mit Ignoranten und Kolonialisten schmeißt…

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