Das „Leid“ der Menschen

9 Dez

fernseher(via)

Menschen werden durch die Gesellschaft und ihre Einrichtungen „behindert“. Man hindert sie daran, in ein Café zu kommen, es ist hinderlich die hohen Bordsteine zu passieren, dass vielerorts keine Toiletten zur Verfügung stehen, die nicht behindern, ist Normalität. Doch was bedeutet Behinderung im gesellschaftlichen Kontext und wie wirkt sich der Sprachgebrauch auf unsere Wahrnehmung über behinderte Menschen aus? Personen, die bestimmte Krankheiten haben, solche die im Rollstuhl sitzen, Menschen, die wissen, dass sie „behindert“ sind (Zitat Wolfgang Schäuble: „Alle Menschen sind behindert – aber wir wissen es wenigstens.“): All jene, die tagtäglich damit konfrontiert werden, dass sie aufgrund ihrer Behinderung nicht überall Zugang finden und nicht überall teilhaben können, werden als behindert bezeichnet und bekommen damit die aktive Rolle in Dialog mit ihrer Umwelt zugeschrieben: Du bist behindert, schau halt, wie du damit wo zurechtkommst.

Dem gegenüber stehen beispielsweise Unternehmen, die sich in ihrem Streben nach Vielfalt das allmächtige Wort „Inklusion“ auf Fahne schreiben und tatsächlich aber wenig dazu beitragen, dem eigentlichen Sinn dieses Konzepts gerecht zu werden: die Umwelt (in diesem Fall beispielsweise den Firmenhauptsitz) so auszustatten, dass alle Menschen gleichberechtigt leben können. Stattdessen tauschen sie die unbeliebte Tante „Integration“ einfach aus und setzen die Inklusion auf ihren vorgewärmten Stuhl – Inklusion heißt nicht, dass sich von der Norm abweichende Menschen in die Mehrheitsgesellschaft integrieren (und damit aktiv handeln), sondern dass sich die Mehrheitsgesellschaft anpasst an die jeweiligen Voraussetzungen der Menschen mit Behinderung.

Dass dies ein langer Weg sein kann, „man denke allein an die horrenden Kosten“, zeigt nur wie weit entfernt das Startfeld liegt und wie tiefgreifend der Glaube an den Einheitsmenschen in unserer Gesellschaft verankert ist. Eine Gemeinschaft, egal wie groß, sollte danach streben, alle ihre Mitglieder gleichberechtigt zu behandeln. Wenn sie genug Geld dafür aufbringen kann, staatliche Vergnügungsbetriebe zu bezahlen (siehe Nürburgring), sollte es auch machbar sein, neue Straße barrierefrei zu bauen und alte direkt anzupassen. Das Finanzierungsargument zieht nicht und auch die Behauptung, dass die Inklusion von Schwerbehinderten nur schwer umsetzbar sei, kann wiederlegt werden: Mit entsprechender Assistenz und Unterstützung können die Bedürfnisse der einzelnen überall erfüllt werden.

Die aktive Rolle im Inklusionsdialog müssen also nicht die Menschen mit Behinderung, sondern diejenigen übernehmen, die die Fäden in der Hand halten: Politiker, Unternehmer, usw. Doch auch die Gesellschaft im Kleinen, die Bevölkerung also, muss umdenken und umhandeln. Um dies zu gewährleisten sollten wir uns jedoch zunächst von unseren Vorurteilen und Ängsten gegenüber behinderten Menschen befreien. Als „Nichtbehinderter“ hat man häufig kaum bis gar keinen Zugang zu dem Thema, wenn man nicht gerade als Zivi oder Betreuer in einer Einrichtung tätig ist. Kommt einem eine Gruppe behinderter Menschen entgegen, fangen die Gedanken an zu kreisen, „wie bloß verhalte ich mich jetzt korrekt?“ Komisch ist, dass wir vor allem das Gefühl haben, uns vor den Begleitern und den umstehenden Menschen rechtfertigen zu müssen, zeigen zu müssen, dass wir wirklich gar kein Problem damit haben, dass es sich hier um Menschen mit Behinderung handelt. Häufigstes Verhalten: Ignoranz. Wegschauen. So tun, als wäre die Behinderung ganz normal und als sähe man gar nicht, dass der andere im Rollstuhl sitzt und aufatmen, wenn die Situation vorbei ist. Doch vorher kommt dieses Verhalten? Wer hat uns beigebracht, dass behinderte Menschen anders sind?

Einen wesentlichen Bestandteil dieser Vorverurteilung bildet unser Sprachgebrauch und das, was mit ihm einhergeht: Menschen mit Behinderung „leiden“ meist unter einer „schlimmen Krankheit“, die sie wohlmöglich „an den Rollstuhl fesselt“ und mit der sie ihren Alltag „trotzdem“ „tapfer und mutig meistern“. Manche sind „geistig behindert“, andere führen ein Leben „in absoluter Dunkelheit“. Die Bezeichnungen und Umschreibungen auf diesem Gebiet sind vielfältig. Beinah täglich werden wir mit ihnen konfrontiert, ohne uns wirklich Gedanken darüber zu machen, welche Strahlkraft sie besitzen und wie sie unser Unterbewusstsein manipulieren.

Natürlich, wie so oft, leisten auch die Medien ihren Beitrag zu der Zementierung dieses Gedankenguts. Umso wichtiger, dass es Initiativen gibt, die sich dem wiedersetzen und die auf diese Aspekte sensibilisieren: Die Seite leidmedien.de setzt sich mit der Berichterstattung in Deutschland auseinander und dokumentiert, wo behinderte Menschen so dargestellt werden, dass die Vorurteilsmaschine auf jeden Fall in Bewegung bleibt. Außerdem geben die Initiatoren der Seite Tipps und Anregungen für einen alternativen Journalismus, der weder reißerisch noch voyeuristisch ist und der die Person des behinderten Menschen in den Mittelpunkt rückt (Besonders gut gefallen mit die Tipps für Interviews mit behinderten Menschen, da diese auch generell geltend eine Hilfestellung für den alltäglichen Umgang liefern). Wie so oft, wenn es um die Stereotypisierung bestimmter Gruppen geht, sollte man nämlich tunlichst auch bei Menschen mit Behinderung darauf achten, dass sie nicht auf dass reduziert werden, was für Außenstehende zunächst sichtbar ist: ihre Behinderung und damit einhergehend ihr vermeintliches Leid, dass sie dadurch erfahren.

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