Von Einfalt zu Vielfalt

22 Okt

(via)

Das neue Semester hat begonnen und fruchtet von Beginn an mit einem Thema, das in mir gemischte Gefühle hervorruft: Diversity Management (kurz DiM). DiM bezeichnet Strategien, Programme und Maßnahmen für einen konstruktiven und produktiven Umgang mit Vielfalt innerhalb von Organisationen. Vielfalt bezieht sich dabei vor allem auf die Menschen, die in den Organisationen arbeiten und die sich aufgrund von Geschlecht, Kultur, Ethnie, Alter, sexueller Orientierung, usw. unterscheiden. So weit so gut.

Das Zauberwort Diversity Management gewinnt aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Entwicklungen nun immer mehr an Bedeutung. Globalisierung, Migration, demographischer Wandel: Vielfalt ist Realität – der richtige Umgang mit Vielfalt Goldwert. So machen es sich zahlreiche Unternehmen zu Eigen, Diversity an den Fahnenmast zu hängen und sich an der Charta der Vielfalt zu laben. Damit diesen dann die angemessene Würdigung zukommt, verleihen Wirtschafts Woche, Henkel und McKinsey seit 2011 den Deutschen Diversity Preis. Hip ist nur, wer sich die Trophäe auf den Kaminsims stellen kann. Oder in die Bürocaféte. Wie auch immer. Und so entscheiden kompetente Jury-Mitglieder, wie beispielsweise unsere Familien- und FrauenMinisterin Christina Schröder (warum is die überhaupt dabei?), wer vielfältigster Arbeitgeber Deutschlands ist und welche Persönlichkeit in diesem Bereich herausragt.

Beim Blick auf die Preisträger 2011 kam mir vor allem eine Frage in den Sinn: „Was zum Teufel?!“. Preisträgerin für die Auszeichnung Diversity Persönlichkeit des Jahres 2011: ANGELA MERKEL. Ach ja? Weshalb? Das (mannig)faltigste an unserer Bundeskanzlerin ist die personifizierte Vereinigung von Ost und West. Dat war et dann auch jewesen. Mich dünkt hier scharwenzelt jemand ganz gewaltig. Nun gut, mag mir unrecht sein.

Doch noch ein weiterer Preisträger macht mir zu schaffen: die Ford-Werke für die Kategorie „Vielfältigster Arbeitgeber“ mit Auszeichnung „Exzellent“. An dieser Stelle muss ich noch darauf hinweisen, dass ich weder die Arbeit noch die heutige Unternehmensgestaltung von Ford angreifen möchte. Ich will nur meinen Gedanken freien Lauf lassen…

Henry Ford, Pionier der Autoindustrie und prominentester US-Amerikaner der 20er Jahre, gilt in der Diversity-Forschung als Gründer DER monolithischen bzw. monokulturellen Organisation schlechthin, in der alle Mitarbeiter dem homogenen Ideal entsprechen sollten: amerikanisch, weiß, männlich, christlich und heterosexuell. Eugenides beschreibt in seinem Roman Middlesex (im Übrigen sehr zu empfehlen für alle Gender-Interessierten) sogar eine Szene aus dem vorigen Jahrhundert, in der Bewerber aus verschiedenen Nationen in ihren jeweiligen Landestrachten in den „Schmelztiegel `Ford English School´“ hinabsteigen, mit einem langen Löffel umgerührt werden und schließlich in grauen oder blauen Anzügen als Ford-Arbeiter unter patriotischen Klängen emporsteigen und die amerikanische Flagge schwingen. Da is nix divers, dat sach ich dir…

Doch es kommt noch  schlimmer: Neben seiner Leidenschaft für Dampfmaschinen, hegte Ford beachtliche Interessen für antisemitische Verschwörungstheorien, die er sogar in seiner eigenen Zeitung Dearborn Independent verbreitete. Damit galt er als einflussreicher Verfechter des Nationalsozialismus und bekennender Antisemit.

Die Auszeichnung der Ford-Werke als vielfältigstes Unternehmen scheint vor diesem Hintergrund wie der reinste Hohn. Welche Absicht die Jury mit der Preisverleihung verfolgte, bleibt fraglich. Sicher ist, dass das Ganze einen fad-bitteren Beigeschmack hat und dass die Auszeichnung für Diversity Management, so löblich die Ziele auch sein mögen, in diesem Zusammenhang sehr ambivalent bleibt. Da kann man nur hoffen, dass die Jury in diesem Jahr weisere Entscheidungen trifft…

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