Sarzamin e man

4 Mrz

(via)

Die letzten Tage und Wochen beschäftigt mich ein Thema ganz besonders: Flucht aus der Heimat. Tausende Menschen müssen ihr Zuhause hinter sich lassen, unzählige Kilometer beschwerlich reisen, um dann festzustellen, dass es in ihrer neuen Heimat genauso belastend zugeht wie in ihrer alten. Viele sind allein unterwegs, lassen ihre Familien zurück, wissen nicht mal, ob sie sie je wiedersehen. Wenn sie es nach Deutschland schaffen, werden sie in Auffanglager und notdürftige Unterkünfte gesteckt, teilen sich mit vielen Anderen engsten Raum und müssen warten. Die Versorgung ist miserabel, die Unterstützung im Asylverfahren gleich Null und die tiefe Traumatisierung der heimatlichen Zustände sowie der anstrengenden Reise wird nur in den seltensten Fällen ärztlich behandelt.

Donnerstagabend fand im Werkraum der Münchener Kammerspiele die Veranstaltung: „Zwei Stühle um mit dir zu sitzen“ statt, ein Abend zur Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in München. Die Jungen im Alter von 16-17 Jahren, überwiegend aus Afghanistan, schilderten in Texten, Gedichten und Liedern ihre aktuelle Situation in der Bayernkaserne an der Heidemannstraße im Norden Münchens und stellten in Interviews mit verschiedenen Vertretern hiesiger verantwortlicher Institutionen Fragen zum weiteren Ablauf ihres Aufenthaltes (u.a. Isabell Zacharias, SPD-Landtagsfraktion oder Stefanie Studnitz, Bundesverband unbegleiteter minderjährige Flüchtlinge e.V.).

Die Veranstaltung war überlaufen. Die Zuschauer saßen in 3 Reihen noch vor der ersten Stuhlreihe auf dem Boden und auch die Treppen dienten als Zuschauerplatz. Auf den Bänken drängten sich unter anderen noch weitere Jungs aus dem Auffanglager, die ihre Kumpels mit Zurufen tatkräftig unterstützten. Das Bühnenbild bestand aus zwei Stühlen, auf denen die Jugendlichen ihre selbstgeschriebenen Texte teils auf Dari, teils auf Deutsch vorstellten. Alles wurde zweisprachig vorgetragen, eine Dolmetscherin übersetzte während der Interviews. Die Stimmung war aufgeladen: Emotional, Lustig, Nachdenklich – mit ihren Worten trafen die Jungs genau den Ton, der bewegt und ließen einige Fragen offen, die von denen, die dafür eingeladen wurden, keine Beantwortung fanden.

Der Abend hinterließ Spuren, vor allem weil ich direkt am nächsten Tag mein erstes Treffen mit meinem Mentee hatte, einem 14-Jährigen Mädchen aus dem Irak, das mit ihrer Familie nach Deutschland flüchten musste, weil ihre yezidische Minderheit dort verfolgt wird. Kurz zum Hintergrund: für ein Jahr werden sie und ich ein Tandem bilden, das von Big Brothers Big Sisters Deutschland organisiert wurde. Hierbei handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation die, ursprünglich aus Amerika, ihren Weg nach Deutschland fand und hierzulande nun Erwachsene Mentoren an 6-16 Jährige Kinder vermittelt, mit denen sie für ein Jahr mindestens 8 Stunden im Monat Zeit verbringen und ihnen wie ein großer Bruder oder eine große Schwester zur Seite stehen. Im August letzten Jahres meldete mich an, durchlief einen aufwendigen Aufnahmeprozess und lernte letzte Woche endlich meine „kleine Schwester“ kennen, mit der ich mich jetzt einmal in der Woche treffe, um Minigolf zu spielen, Spazieren zu gehen oder mich einfach nur mit ihr zu unterhalten.

Ich holte sie wie vereinbart dort ab, wo sie zur Zeit mit ihren Eltern und ihren 4 kleineren Geschwistern lebt und spazierte mit ihr zum Olympiapark, wo wir Karten spielten und uns das erste Mal ohne Eltern und Organisatorinnen beschnuppern konnten. Es gab viel zu erzählen, unsere Hintergründe könnten unterschiedlicher nicht sein und im Laufe unseres Treffens wurde deutlich, wie sehr sich mein Mentee mit ihrem Aufenthalt hier in Deutschland beschäftigte und was sie alles tat, um sich hier einzuleben: Den Ferienpass im letzten Sommer nutzte sie nicht, stattdessen ging sie eigenverantwortlich in die Stadtbibliothek, lieh sich deutsche Bücher aus und büffelte so viel sie nur konnte. Die Lieder auf ihrem Handy waren alle auf Deutsch, damit sie die Texte versteht und das Verständnis für Mitschüler, die schon länger als sie in Deutschland sind und trotzdem schlechter die Sprache sprechen, gering. Ihr Traum, nach der Schule zu studieren, ist zwar noch einige Schuljahre entfernt, wird sich aber meines Erachtens irgendwann erfüllen – noch nie habe ich jemanden kennengelernt, der so motiviert und gewillt ist einer guten Ausbildung nachzugehen. Sie wird für mich zum Vorbild und mein Streben, einen jungen Menschen auf seinem Weg zu begleiten und ihm helfend und beratend zur Seite zu stehen, wird nur weiter bestärkt – vor allem, weil ihre Ausgangssituation, genau wie bei den Jungs aus der Veranstaltung des vorigen Abends, eine sehr beschwerliche ist und sie nicht, wie viele von uns, das große Glück hat in einem friedlichen Land auf die Welt gekommen und mit allen Möglichkeiten einer fundierten Ausbildung gesegnet zu sein…

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