Look at me!

20 Sep

(via)

„Hallo, mein Name ist Claudia* und ich bin Fernsehsüchtig“  „Haallooo Claudia“. (Beifall). So fing vor 2 Wochen meine erste Runde in der Selbsthilfegruppe an, in der ich jetzt versuche clean zu werden. Popstars, Schlag den Raab, Hamburg Derby, How I met your mother, Malcolm, Scrubs, Grey´s Anatomy, Private Practice, Deutschlands Meisterkoch, Geo Reportage, Red, Taff, Explosiv, Exklusiv, Stern TV, Wer wird Millionär, Topfgeldjäger, die Supernanny…ich kenn sie alle. Und Warum? Weil ich ein Junkie bin. Sobald ich kann, geb ich mir die volle Dröhnung, vergesse Raum und Zeit und glotze solange, bis die pochenden Kopfschmerzen es nicht mehr zulassen.

Meine Sucht nach Fernsehen machte sich schon in jungen Jahren bemerkbar. Anfangs noch unter dem Deckmantel „Kinderfernsehen“ (Sesamstraße und co.), das rein und nicht gestreckt war, jubelte man mir später immer mehr Dreck mit unter. Ist man jung und unerfahren, hält man den bitteren Beigeschmack noch für gewöhnungsbedürftig. Genauso wie bei Kaffee oder Bier muss man sich ran tasten, man muss es lieben lernen.

Später, in der Clique, sprachen alle nur davon „Ey, hast du den Assi gestern bei DSDS gesehen, voll der Freak ey“. Nach langem Betteln und Flehen gabs dann endlich auch in meinem Teenie-Zimmer n Kasten und die Geschichte nahm ihren Lauf. Gleich nach der Schule (ich schaffte es bis zur 8. Klasse) gings davor und dann nicht mehr weg. Hausaufgaben wurden Nebensache, Freunde brauchte ich nicht mehr (TV war ja da) und irgendwann war ich dem Untergang geweiht.

Durch jahrelanges auf der Couch kleben, lag ich mich wund und konnte mich irgendwann nicht mehr bewegen. Die 135 Kilo, die ich auf die Waage brachte, trugen ihren Teil dazu bei. Meine Eltern schmissen mich raus und ich landete auf der Straße. Glücklicherweise hatte ich einen Minifernseher, mit dem ich über Antenne weitergucken konnte. Die Jahre vergingen, aber die Sucht wurde immer schlimmer. Bald hatte ich gar nichts mehr auf den Rippen, weil ich meine ganze Kohle für GEZ und Batterien ausgeben musste. Wo ich nur konnte, versuchte ich mir den Stoff zu besorgen: Media Markt, Saturn, überall wo Fernsehen umsonst war, klebte ich davor. Abends schaute ich durch Fenster in Familienhäusern und versuchte stets unentdeckt zu bleiben.

Eines Tages, es muss ein Mittwochmittag gewesen sein, schlechte Fernsehformate verkaufen sich dann am besten, war ich bei einem Freund zu Besuch. Er ließ mich für ein paar Tage bei sich wohnen, da er auf Geschäftsreise war. Zu meiner großen Freue hatte er einen 37-Zoll Flatscreen in seinem Wohnzimmer stehen. Alles war für den nächsten Kick vorbereitet, ich war 3 Tage allein, es konnte los gehen. Nach 8 Stunden trash-fernsehen, begann es dann zu zucken. Zuerst in den Augenliedern, dann im  Gesicht und schließlich am ganzen Körper. Wie 100 000 Volt Strom schoß es mir durch den Körper, ich verlor komplett die Kontrolle und fiel in Ohnmacht. Nach ein paar Stunden, vielleicht waren es auch ein paar Tage, ich hatte vollkommen die Orientierung verloren, wachte ich wieder auf. Aufwachen nach einer Alkoholvergiftung ist nichts im Gegensatz zu dem, was ich nun ertragen musste. Die Alpträume, die mich währenddessen heimgesucht hatten, waren nicht verschwunden. Ich kämpfte gegen Halluzinationen, unerträgliche Kopfschmerzen und Übelkeit. Eine Überdosis! Krass! So etwas Schlimmes  hatte ich noch nie erlebt und wollte das auch nie nie wieder.

Aus eigener Kraft schaffte ich es, mir eine Selbsthilfegruppe zu suchen und eine Therapie zu beginnen. Der Weg war steinig aber ich setzte einen Schritt vor den Anderen und schaffte es aus dem Loch. Gemeinsam sprechen wir nun über die dicken Idioten aus „Upps! Die Superpannenshow“ und schimpfen auf Bauer-sucht-Frau-Zombies und Mitten-im-Leben-Hartzis, um uns immer wieder klar zu machen, wie minderwertig und jämmerlich deutsches Fernsehen geworden ist.

Ich weiß nun, dass es sich nicht lohnt seine grauen Gehirnzellen für diesen Schrott zu verbraten und dass die Welt noch mehr zu bieten hat als müdemachende Ganzzeitestrahlung. Amen.

*Name von der Redaktion geändert

Eine Antwort to “Look at me!”

  1. stenographique 20/09/2010 um 17:12 #

    liebe claudia,

    vielen dank für den mut, den du aufbringen konntest, dich selbst und deine sucht hier öffentlich zu entblößen. dein artikel hat mir sehr geholfen – ich habe in diesem moment nach mehr als 36 wochen den fernseher erstmalig ausgeschaltet. mein leben macht wieder sinn, ich schmecke wieder frische luft und die abendsonne brennt angenehm in meinen quadratischen augen.

    mir, dir selbst und den vielen tausend anderen betroffenen da draußen bist du eine offenbarung, ein leuchtturm in der sendepause, ein fels im nachmittagsprogramm. danke, dass es dich gibt!

    uwe*

    (*name auch von der redaktion geändert.)

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