Weltschmerz

18 Sep

(via)

Gestern Abend habe ich mit meiner Mutter telefoniert. Wir hatten, neben ihrer Grippe, Weltschmerz und Fernweh. Überall passiert so viel Grausames und wir kriegen es hier nicht mal mit. Die Medien verschlingen 90% der Nachrichten und die letzten 10% kommen auch nur völlig aufgeweicht bei uns an. Was wichtig ist und was nicht, entscheiden die, die am langen Hebel sitzen und bestimmen, was in die Meldungen des Tages kommt. Dass niemand über den Brutalen Genozid zwischen Hutus und Tutsis in Ruanda bescheid weiß, liegt daran, dass es kaum mediales Interesse weckte. Zu weit weg? Zu Brisant? Zu sehr in unsere Netzwerke verstrickt? (wer sich für den Hintergrund interessiert, der klickt hier)

Es gibt ein Buch, Aschenblüte, von einer ruandischen Frau geschrieben, die 91 Tage mit sieben anderen Frauen 1994 in einem 2m² Badezimmer verbrachte und damit den Völkermord in ihrem Land überlebte. Gesucht und verfolgt entgeht Immaculée Ilibagiza immer wieder den skrupellosen Killern und schafft es letztlich durch ihren Glauben und ihre Vergebung nach Amerika, wo sie heute über das Schicksal dieser Menschen berichtet.

Wo genau dieser Hass zwischen zwei Völkern entsteht, der ja nicht nur in Ruanda verbreitet ist, ist nicht zu lokalisieren. Wahrscheinlich wissen die, die sich heute bekämpfen nicht mal mehr warum sie sich eigentlich verachten. Sie tun es einfach und folgen damit einer jahrelangen Tradition, die sie nicht zu brechen wagen. Im Fall von Ruanda sind diese schrecklichen Diskrepanzen in der Kolonialzeit geboren und kosten seitdem tausende und abertausende  von Menschenleben.

Leider ist das ja nur ein Beispiel unter vielen und wir, hier in unserer kleinen beschützten Welt, kriegen am Rande immer mal wieder was mit. So viele Menschen leben in Elend und Angst und wir nörgeln rum, dass die Sonne nicht mehr richtig scheint und der Sommer vorbei ist. Außerdem ist es in letzter Zeit auch immer kälter geworden, bähbähbäh…Wir sollten mal die Pobacken zusammenkneifen und überlegen, wie jeder von uns einen Teil – und wenns auch nur ein minikleiner ist – dazu beitragen kann, dass das Leben und das Zusammenleben der Menschen auf der Welt erträglicher wird.

Nur wie kann man da ran gehen? Und was bringt es den hunderten von Kindern auf Indiens Straßen, wenn ich in Buxtehude Ehrenamtlich Essen verteile? Es gibt keinen direkten Zusammenhang, aber einen indirekten. Wer sich mit dem Leben anderer auseinandersetzt, der ist offen. Wer offen ist und versteht, was draußen los ist, der trägt dazu bei, dass sich die Umstände verändern. Wenn alle Menschen, sagen wir mal in Deutschland, wirklich über das Leid der anderen bescheid wüssten, dann glaubt mir, keiner würde mehr tatenlos zuschauen. Auf der Straße stünden nicht nur die paar Linken, die sich immer und immer wieder aufraffen, weil sie wissen, dass demonstrieren etwas bringt, auf der Straße stünde die gesamte Bevölkerung! Alle würden dagegen protestieren, dass auch ihr eigenes Land in Machenschaften verwickelt ist, die erheblich dazu beitragen, dass woanders Krieg herrscht: Deutschland stand Jahrelang an vorderster Front, als es darum ging das im kriegsgeschlauchten Kongo vorhandene Coltan (Colombo-Tantalit) abzubauen und damit die Unruhen nur weiter zu schüren. Das wertvolle Erz wurde für die Hightech-Industrie verwendet und fand sich damit in jedem einzelnen Handy wieder.

Gäbe es darüber mehr Informationen und würden wir nicht den lieben langen Tag vor taff, Popstars, GNTM, Bundesliga und dem perfekten Promidinner hängen, wir würden aufschreien und mit leiden. Natürlich haben wir mitbekommen, dass in Pakistan unzählige durch die Fluten gestorben und heimatlos geworden sind. Nur wissen wir auch, wie die Menschen auf den Müllhalden in Mubai leben? Oder dass der Drogenkrieg im Norden Mexikos jeden Tag zahlreiche Opfer fordert? Wir müssen mehr hinsehen und –hören, um uns dann Gedanken zu machen, wie wir helfen können. Außerdem haben wir haben doch eh nix zu tun! Meine Ma schlug vor, dass jeder Mensch  in Deutschland pro Monat einen Euro spendet, damit könnte doch schon einigen geholfen werden. Meines Erachtens gehört jedoch der Informationsfluss an erste Stelle, damit wir später nicht sagen können, wir hättens nicht gewusst…

2 Antworten to “Weltschmerz”

  1. schweizerkrieger 18/09/2010 um 13:25 #

    Doch das Übel muss die Staatengemeinschaft gemeinsam lösen.
    http://schweizerkrieger.wordpress.com/2008/11/08/kindersoldaten-powerpoint/?preview=true&preview_id=1986&preview_nonce=baff20fc08

  2. mancino 24/11/2010 um 14:44 #

    Es wird von einem Informationsverlust gesprochen. Sowohl der Genozid in Ruanda, der lange Zeit offiziell nicht als dieser bezeichnet werden durfte, als auch der Drogenkrieg in Mexiko waren und sind in Deutchland bekannt. Das Fernsehen nicht das einzige Medium ist,ist natürlich vorausgesetzt.
    Es ist falsch, dass Nachrichten aufgeweicht zu uns finden. Richtig ist „gekürzt“, um kurz später eine genaue Dokumentation der Ereignisse präsentieren zu können, die nicht der ersten Meldung widerspricht.
    Es wird nicht jedes Weltereignis gezeigt, nicht jedes erschütternde und auch nicht jedes erfreuliche. Die Informationssuche wird nur stimuliert. Wir leben in einem Bildungsland. Die öffentlichen Sender sind nur die Mittler, die hinweisen, wonach wir suchen, worauf wir achten sollen.
    Viele Menschen schauen keine Nachrichten, weil sie Krieg und Leid in den fernen Ländern nicht sehen könnne, oder wiel ihn selbst Leid zugestoßen ist/zustößt, weiö sie arm oder krank sind. Nun, natürlich haben sie einen höheren Lebensstandard als in Ruanda, aber sie befinden sich in ähnlicher Situation. Fern der eigenen Gesellschaft, gemieden, mittellos. Es gibt wenige Menschen, die relativ problemlos leben. Dies sind die Menschen, die ihren Artikel beachten und reagieren müssen.
    Es stellt sich da auch die Frage nach der Gewichtung. Wir geben Geld für Umweltverbesserungen aus. ISt das sinnvoll, als eine Humanhilfe? Andersherum, gibt es wirklich eine mehrheitliche Motivation, ferne Probleme zu lösen, und das eigene Land zu vernahlässigen? Wir geben viel Gld für Entwicklungshilfe, Prävention aus, auch Spenden kommen aus Deutschland. Natürlich nicht genug. Angenommen, wir geben mehr Geld, auf Kosten unserer Wirtschaftskraft, die dazu führt, dass wir im Endeffekt langfristig weniger Geld geben können, weil wir selbst mehr brauchen, um die Infrastruktur, sozialpolitisch und ökonomisch zu erhalten.

    Wir sind heute in der Lage, Informationen aus allen Winkeln der Welt zu bekommen, anders als vor hundert Jahren. Aber wir sind heute nicht in der Lage, als Staat ein Umdenken zu initiieren. Dies muss gemeinschaftlich, also mindestens EU-weit, wenn nicht gar global stattfinden.

    Aber Menschen ändern sich nicht. Angenommen, es gäbe eine Volksabstimmung, wieviele würden, bei Kenntnis der vollständigen Sachlage, also drohender Arbeitslosigkeit, Staatsinsolvenz, die theoretisch zumindest bei einer Billion Schulden schon besteht,wären nicht die einige der größten Globalplayer auf Deutschland angewiesen, wieviele würden wirklich wirksam helfen wollen oder können?

    Es ist gut, darauf aufmerksam zu machen, aber es sind die falschen Adressaten. Populismus hilft keinem.

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