Sexuelle Orientierung

6 Aug

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Zurzeit beschäftige ich mich mal mehr, mal weniger mit Queer Studies, Gendertheorien und Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft und frage mich, wie wichtig diese Begriffe in unserer heutigen Umgebung sind und was die Zukunft bringen wird. Mich interessiert dabei die unbeschreibliche Vielfältigkeit sexueller Identitäten, der fließende Übergang, der das starre Konstrukt von altbackschen Normen ablöst. Zu diesen Normen zählen zum einen gemeinschaftliche Institutionen wie die Ehe (warum können nur jeweils zwei Menschen einen Ehevertrag abschließen? Warum nicht 3 oder 4?) oder die Elternschaft (wer sagt, dass es mit nur zwei Elternteilen in der Erziehung getan ist?), sie waren lange Zeit eng und restriktiv und ließen bis heute keinen Spielraum für Abweichungen. Zum anderen geht es um die eindeutige Verteilung der Geschlechter, Mann und Frau.

Welche Bedeutung diese ambivalente Verteilung in männlich ODER weiblich für Menschen hat, die sich nicht in dieses recht simple gestrickte Muster einfinden können, war mir lange nicht klar, bis ich ein Literaturseminar besuchte, in dem es ganz eindeutig um diese Fragestellung ging. Das binäre Geschlechtssystem beherrschte lange, lange Zeit das Streben nach sexueller Orientierung  der Individuen und ließ nicht zu, dass man sich über seine geschlechtliche Identität im Unklaren war, oder aber dass man sich darüber im Klaren war, nur dass der Rest nicht damit zurecht gekommen ist. Dieser auch heute immer noch zu weit verbreitete Opportunismus lässt zu, dass zahlreiche Menschen aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen werden, weil irgendetwas mit ihnen nicht stimmt.

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Erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts begannen Wissenschaftler, Literaten und Philosophen die Begriffe „Sex“ und „Gender“, die man im Deutschen übersetzen kann mit dem „biologischen Geschlecht“ und dem „sozialen und psychologischen Geschlecht“, zu trennen. Die Grenzen verschwammen und queere Persönlichkeiten traten immer mehr in Erscheinung (Queer ist die englische Bezeichnung für Dinge, Handlungen oder Personen, die von der Norm abweichen-leider meist noch negativ konnotiert). Männer können sich weiblich fühlen und Frauen ihre Männlichkeit ausleben, wobei ich aufpassen muss, dass ich den fließenden Charakter nicht vergesse. Menschen heutzutage sind homo-, hetero- oder bisexuell, es gibt Transgender Menschen (andersgeschlechtliche oder geschlechtsneutrale Geschlechtsidentitäten), Intersexuelle (die keine eindeutigen männlichen oder weiblichen Geschlechtsmerkmale aufweisen) oder Asexuelle (naja, den Begriff kennt ihr vielleicht). Die sexuellen Identitäten kann man allerdings nicht in ein neues Modell packen und kategorisch einsortieren, sie gehen ineinander über.

Judith Butler, Pionierin auf dem Gebiet und Philosophin der Gender, formuliert eine Politik von Normen, die nicht von einer stabilen Identität ausgeht, sondern überhaupt keine Identität voraussetzt. Die Vertreterin des postmodernen Feminismus, der im Gegensatz zum klassischen Feminismus nicht mehr für die „Rechte der Frau“ kämpft, sondern an der Abschaffung der Geschlechterkategorien Frau/ Mann arbeitet, ist gegenwärtig Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft an der European Graduate School und an der Universtiy of California, Berkeley. In ihren zahlreichen Werken dekonstruiert Butler verbreitete Denkgewohnheiten und fasst Konzepte wie das Denken in Kategorien von Körper und Identität neu. Das wohl bekannteste und einflussreichste Buch der Denkerin, „Gender Trouble-Feminism and the subversion of identity“ (zu Deutsch „Das Unbehagen der Geschlechter“) von 1990, befasst sich mit einer der theoretischen Grundlagen Butlers, die auch ich sehr interessant finde: Identität ist performativ konstruiert. Das bedeutet, die Geschlechtskategorien „männlich/ weiblich“ sind nicht naturgegeben, sondern werden kulturell geformt und müssen immer wieder bestätigt werden, indem ständig gemäß diesen Kategorien gehandelt wird.

Simone de Beauvoir schreibt in ihrem weltbekannten sozialgeschichtlichem Sachbuch „Le Deuxième Sexe“ von 1949 (Dt.: „Das Andere Geschlecht“): „On ne naît pas femme, on le devient“ („Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“). Diese nicht geartete Existenz der Frau, die die Grundthese de Beauvoirs – die Unterdrückung der Frau sei gesellschaftlich bedingt – unterstützt, wird von Judith Butler aufgegriffen und weiter geführt. Das Problem des Werdens wird in ihren Thesen zum Grundgedanken der Geschlechterrollen. Vielleicht wird niemand als Mann oder als Frau geboren sondern wird es erst im Laufe dazu. Oder aber jemand wird als Mann oder als Frau geboren und wird dann zu etwas, das weder das eine noch das andere ist. Das Konzept des Werdens untermalt viele ihrer bekannten Thesen.

Judith Butler inspiriert mich. Ihre Art an alle Konstrukte offen ranzugehen und nicht zu verurteilen, sondern sich mit der Aufdröselung und des Verstehens bestimmter Normen zu beschäftigen, bewegt in mir das Bedürfnis diesen Rahmen auf alle Minderheitenthematiken zu legen. Jedes Individuum wird geboren und anschliessend geformt. Zwar können wir den Einfluss von außen, die kulturelle Programmierung der Einzelnen nicht verhindern – jeder muss Teil einer Gesellschaft sein – aber wir können die Grundwerte in unseren Köpfen umformulieren. Wir können uns Auf machen für andere Formen von Sexualität, für mehr als zwei Geschlechter, für neuartige Muster des Miteinander. Wir dürfen nicht mehr behaupten man könne  alles in kleine Schubladen packen, beschriften und fertig is´. Wir müssen einfach akzeptieren und nicht verurteilen. Klingt komisch, is aber so.

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