Narzissmus im Netz

4 Jun

(via)

Vor kurzem lief auf Arte der Film „I am the Media“ von Benjamin Rassat. Ein Beitrag über den digitalen Narzissmus, der sich in Form von Blogs, Facebookprofilen und Selbstgegoogle im Internet verankert hat. Es wurden  die Webpräsenzen einiger bekannter Blogger vorgestellt, die sich mit Fragen zur Selbstdarstellung und Voyeurismus beschäftigten und erklärten, wie sie sich selbst im World Wide Web betätigten und was den Reiz daran ausmacht. Die Meinungen gingen stark auseinander.

Die gigantische Weite und die enorme Vielfalt an Internetpräsenzen lässt sich kaum mehr begreifen. Dem Anschein nach ist die Tiefsee besser erforscht als die Blogosphäre – das Universum scheint einem vertrauter als das kolossale  Spektrum an Identitäten in Facebook, Myspace und Co. Nur was treibt uns an, uns so in Szene zu setzen? Warum versuchen  wir im Internet auf jede nur erdenkliche Art und Weise interessant und ansehenswert zu erscheinen? Die Ungleichheit zwischen realer und digitaler Identität könnte manchmal nicht auffallender sein. Im Web sprechen wir ganz anders, wir versuchen  möglichst ausgefallen und doch nicht schräg, Hauptsache individuell, aber integriert zu sein. Zeigt mich das Foto von meiner besten Seite? Wenn nicht, lösche ich die Verlinkung. Liest sich mein Blog gut, wirke ich dadurch geistreich, geheimnisvoll und doch nahbar? Ist es cool bei Last.fm angemeldet zu sein, weil ich dadurch zeige, dass ich ein besonders umfangreiches Interesse an Musik hege? Wenn ich schon so viel von mir preisgebe, dann möchte ich wenigstens dabei gut ankommen. Bin ich im realen Leben genauso?

Rassat eröffnet jedes seiner Interviews mit: „Googlen Sie sich selbst? Wenn ja, wie oft?“ Die meisten bejahen die Frage. Wir lieben das, was wir selbst im Internet fabrizieren. Wir hoffen, dass möglichst viele unsere Seiten besuchen und staunen, am besten noch Kommentare schreiben und uns dadurch das Gefühl vermitteln, wir seien was Besonderes. Aber ist uns diese Aufmerksamkeit auch in der Wirklichkeit angenehm? Ein schönes Beispiel für die Diskrepanz zwischen dem Menschen und seinem Schatten im WWW und  gleichzeitig für zwanghafte Berichterstattung ist der Blog von Meenakshi Madhavan: „The Compulsive Confessor“. Die junge Inderin bloggt nun schon seit 7 Jahren über Sex, Liebe, Menschen, Orte und andere Erfahrungen, traut sich allerdings im Interview nicht über ihre Kenntnisse zu sprechen und verweist stattdessen ständig auf ihren Blog, in dem doch alles Erwähnenswerte stehen würde. Neben dieser schizophrenen Persönlichkeit aus extrovertierter Internetlolita und schüchternem Mäuschen der Realität, kommt hier der zweite wichtige Faktor der Selbstdarstellung ins Spiel. Voyeurismus. Inszenierungstalent bringt dem besten Narzissten nichts, wenn nicht auf der anderen Seite ein Schaulustiger sitzt, der sich das Spektakel antut. Hierzu gibt es auch eine ganz grandiose Idee einer jungen Japanerin, die anscheinend zu wenig Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekommen hat: Nichtstun und sich dabei filmen. Wahnsinn! Sie nennt sich Magibon, hat ihren eigenen Youtube Channel und wird weltweit über 5 Mio. Mal angeklickt:

Der zwanghafte Wille hinzusehen ermöglicht doch erst, dass solche Videos so gehyped werden. Hinsehen, auch wenn es einem zuwider wird, so schlimm, dass man brechen möchte, dieses Phänomen wird ganz wunderbar in den unzähligen Reaktionen auf ein ganz widerliches Video widergespiegelt, dass ich nicht anschaue, da ich mir schlechte Gedanken ersparen möchte. Mein Beileid für die, die es kennen:

Es ist also ein Geben und Nehmen. Pathologisches Berichterstatten auf der einen, geeint mit Schaulust trotz Indifferenz, ja Desinteresse, auf der anderen Seite. Die digitale Selbstdarstellung ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Jemand, der NICHT via Internet mit der Welt kommuniziert, der keine Profile pflegt, seine Gedanken tagtäglich postet oder in den Buschfunk schreibt, was ihn gerade bewegt: „So glücklich, weil die Sonne heute scheint und mein Schatzi und ich Eis essen gehen, *juhu*smile*“, der scheint uns suspekt. Nur sind wir bei soviel Selbstverliebtheit überhaupt in der Lage all die anderen Egozentriker im Netz wahrzunehmen? Guckt ihr euch noch mit ehrlichem Interesse die Seiten Anderer an?

6 Antworten to “Narzissmus im Netz”

  1. Elisa 04/06/2010 um 19:08 #

    Philli, das hab ich auch gesehen! super interessant! und der typ auf dem boot….irgendwie total sympatisch, wär am liebsten durch die glotze auf das boot!!!!
    lg
    elisa

    • phillippine 06/06/2010 um 19:37 #

      ja auf jeden fall!tolle location, um nen interview zu führen und der kerl hatte echt ahnung vom web 2.0, hat mir auch gut gefallen!bussi

  2. Leser 05/06/2010 um 12:53 #

    Würdest du deinen Blog auch als Selbstinszenierung oder wenigstens als Selbstdarstellung sehen?

    Ps: Ich lese mit ehrlichem Interesse diesen Blog.

    • phillippine 06/06/2010 um 19:41 #

      klar, würde ich nicht von mir preisgeben wollen, von meinen gedanken und meinem schreibstil, würd ich den ja nicht führen. vielen dank für den kommentar, es freut mich ehrlich zu hören, dass der Blog gut ankommt. außerdem sind anmerkungen wie deine die beste bestätigung, dass mein digitaler narzissmus sich bewährt und ich in meiner selbstdarstellung gut ankomme:) merci!

  3. philipp 06/06/2010 um 16:09 #

    wunderbares beispiel wie man den web-narzissmus für sein zwecke ausnutzen kann:

    ein werbetexter setzt seine jobanzeige neben die namen der verantwortlichen in großen agenturen. die googlen sich täglich, der job ist sicher…

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  1. Trivial Pursuit! | Inter Netzer - 03/08/2010

    […] über seine Jünger/Opfer zu erheben – doch ein wahrer und homurvoll erfasster Kern liegt. Narzissmus im Netz sagt P. dazu und ich muss schmunzeln, weil sie sich doch gleich mit Tags und Verlinkungen zwischen […]

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