Scheinwelt

24 Mai

Seit gestern kann ich wieder frische Luft atmen, getrost die Zähne putzen und unbekümmert alles essen, was mir in den Sinn kommt. Seit gestern hab ich nicht mehr das Gefühl, ich bräuchte einen männlichen Bodyguard, der mich vor platten, hohlen Anmachen beschützt, ich muss mich nicht mehr als Teil einer, aus spießigen Pärchen bestehenden, Herde fühlen, zusammengepfercht in einer Blase deutscher Illusion inmitten arabischer Welt, ich bin wieder frei. Und braun. Rischtisch, ich habe Pauschalurlaub gemacht. In Ägypten. Genauer, in Hurghada, das Dubai der Ägypter. Eine künstlich erschaffene Touristenoase, in den 80ern hochgezogen, um Deutsche, Russen und andere gutbetuchte Feriengäste glücklich zu machen. Ein Ort, mitten in der Wüste, so palmengrün und poolblau, und doch so staubtrocken und saunaheiß. Ein Hotel reiht sich neben dem anderen, meist mit 5 besternt und irgendwie doch nur wie ein Luftschloss, das nicht so recht in sein Umfeld passen will. Aber man kann ja die Augen und die Ohren schließen, wenn man vom Flughafen zum Hotel gefahren wird, vorbei an Baustellen, provisorisch errichteten Hütten für die Arbeiter, Dreck, Müll, und einem weitausladenenden Nichts. Und man macht sie erst wieder auf, wenn man im Hotel eintrifft. Da ist es nämlich schön und man muss sich nicht mit  diesem schwerverständlichem Englisch beschäftigen. Ach Quatsch, in Ägypten spricht man nämlich Deutsch, oder nicht? Ist doch Selbstverständlich, dass man über 4000 km irgendwo hinfliegt und man in seine Muttersprache empfangen wird. Davon jedenfalls gehen die Urlauber aus, die mit uns Samstagnacht vor einer Woche im Grand Resort einchecken. Der Kunde ist ja bekanntlich König und so haben sich von Pool- über Roomboy bis Rezeptionist und sogar die Straßenverkäufer, Taxifahrer und Kellner unsere Sprache zu eigen gemacht, damit wir gefälligst auch das kriegen, was wir wollen, ohne uns irgendwie verbiegen zu müssen. Englisch ist für Deutsche ja auch schwerer zu lernen, als Deutsch für Araber. Ganz klar.

Tag 1-3:

Angekommen also in, wie heißt das nochmal?, ach auch egal, im Hotel, freut man sich trotzdem über ein zwei mal zwei Meter großes Bett, über Sauberkeit und nen Fernseher auf dem man ARD, Kabel1 , Pro 7, RTL, etc. zappen kann. Geil, nicht mal auf die Glotze muss man verzichten. Der Balkon zeigt auf die zauberhafte Poollandschaft und für einen Augenblick scheint alles Perfekt. Eine Woche bräunen, essen, schlafen, essen, bräunen, essen, schlafen, Delphine gucken, essen, bräunen, so haben wir es ja auch geplant. Schlafen: optimal, essen: eher suboptimal – am Versuch europäische Küche von orientalischen Köchen herrichten zu lassen, sind die leider etwas gescheitert, es schmeckt fad – bräunen: dafür braucht es ja nicht soviel, Sonne gibt es ja genug in Afrika, 40°C, man kann sich nicht beklagen. So verbringen wir die ersten Tage, glücklich und zufrieden in unserer kleinen Urlaubswelt, nichtsahnend was uns noch blüht.

Tag 4:

Halbzeit im Schlaraffenland, Trauerbeflaggung für unsere Stimmung. Aus allen Körperöffnungen verlässt uns die Freude, Touristenkrankheit, na toll! Dabei haben wir doch drauf geachtet kein Wasser beim Duschen zu schlucken und auch Salat wurde vom Speiseplan gestrichen. Und das direkt an Schnilipps* Geburtstag. Den verbringen wir also käseweiß im Zimmer, die Torte, die uns anlässlich gebracht wurde, wird an diesem Tag nicht angerührt.

Tag 5 und 6:

Die Erholung erfolgt nur schwerlich. Beim Anblick des immer gleichen Buffets, wird einem schummrig, die Hitze ist beschwerlich, die Luft dick und mittlerweile nervt jede, noch so freundlich gemeinte, tausendste Frage, ob man noch was trinken möchte, ne Massage gefällig ist, neue Handtücher gebraucht werden, oder einfach nur ob alles klar ist, immer mit offener Hand. Trinkgeld scheint hier einzige Einnahmequelle zu sein – und auch der Grund, warum alle nur solange scheinheilig freundlich sind bis sie dann merken, es gibt nichts für die Frage „Alles gut, mein Freund?“.

Tag 7

Gegen Ende der Reise freut man sich auf Zuhause, nimmt sich fest vor nie wieder Pauschalurlaub zu buchen und bereitet sich innerlich schon auf den Abschied vor. Einmal noch braten lassen, dann geht’s auch schon wieder zurück, zusammen mit Max* und Marie* Mustermann, die uns erzählen sie verbrächten schon ihren dritten Urlaub in Hurghada, das Hotel hätten ihnen ihre Eltern empfohlen, die flögen hier schon seit 10 Jahren hin. Er 22, möchtegern Ironiker, chronischer Vordrängler und überzeugter Abiturabbrecher: „Warum macht ihr eigentlich Urlaub, ach ihr seid Studenten, jaja, die können ja machen was sie wollen. Mir wär das zu unsicher, ich wollte lieber mein eigenes Geld verdienen, niemandem auf der Tasche hängen und ein Ziel vor Augen habe. Außerdem ist es ja bewiesen, dass Frauen, die studieren im Schnitt nicht mehr verdienen, als solche die eine Ausbildung machen“. Sie 21, Mäußchen und Desinfektionsabhängige, Sparkassenpüppchen mit Hang zum erzählen wirklich uninteressanter Geschichten, klebt an seiner Seite. Wir hatten sie beim Hinflug auf 30 geschätzt, oder noch Älter gemessen an ihrer Spießigkeit.

Der Tag danach:

Zuhause angekommen, lasse ich Revue passieren und lege fest, Spießigkeit als Inbegriff dieses all inkl. Urlaubs zu wählen. Warum verbringen Menschen Jahr für Jahr ihre einzigen freien Urlaubstage an einem Ort, tausende km von Zuhause entfernt und doch so nah? Wenn ich schon aus Deutschland raus will, dann beschäftige ich mich doch wenigstens ein bißchen mit dem Land, in das ich reise, ich will die Leute aus dem Land kennenlernen und das Essen dort probieren. Am liebsten möchte ich nicht als Tourist auffallen.

Das gilt nicht für die, die so einen Urlaub buchen, sie bedienen wirklich alle Klischees, bei denen ich dachte es handelt sich um doofe Stereotypen. Sie erwarten, dass man sie auf Deutsch empfängt, ihnen deutsche Küche, deutsches TV und deutsche Unterhaltung vorsetzt und daheim erzählen sie dann sie wären in Ägypten gewesen. Welche Sprache spricht man da? Äh, Ägyptisch? Und habt ihr die Pyramiden gesehen? Nee, aber der Pool war echt schön…

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* Namen von der Redaktion geändert

9 Antworten to “Scheinwelt”

  1. Vik 24/05/2010 um 20:56 #

    Mein Beileid, aber immerhin biste jetzt braun.

  2. antonia 25/05/2010 um 06:20 #

    ahlen wa sahlen, keifa haluka? Ena beheirr wa´l hammdullilah!

    • phillippine 25/05/2010 um 09:18 #

      was heißt das Toni? Du sprichst leider besser arabisch als ich!

  3. nils 25/05/2010 um 14:23 #

    hmm…

    bleibt ja die frage, ob wir wirklich auf deutsch empfangen werden wollen und ob das tatsächlich unserer vorstellung von einem schönen urlaub entspricht. ich glaube manchmal, das hat sich in den köpfen der touristenabfertigungsmogule manifestiert… und wir müssen mitmachen.

    am besten find ich das gleichnis vom essen! :) naja, es ist vielmehr ein dilemma… schlechtes europäisches essen, oder magen-darm-trakt-penetrierendes arab-food risikieren ;)

    • phillippine 25/05/2010 um 16:01 #

      tja, was war zuerst da, das ei oder das huhn? das ist wohl die spirale des bösen, von beiden seiten immer weiter manipuliert, bis hin zur touristenblase der extraklasse!

  4. nils 25/05/2010 um 17:23 #

    tatsächlich hab ich in genau eben diesem grand resort auch schon geurlaubt, tatsächlich bin auch ich auch braun geworden, tatsächlich hab auch ich meinen aufenthalt wie o.a. erlebt, tatsächlich hab ich den pauschaltourismus noch ein stückchen intensiver betrieben und nen tagesauflug zum nil gemacht (aus sicherheitsgründen in einer kolonne von 50 Reisebussen und streckenweise mit polizeiescorte)…und als ich mich, während einer halbstündigen pause, unbemerkt ein stück weit von meiner 1000-köpfigen reisegruppe entfernen konnte musste ich feststellen: zumindest da wo man als westlicher tourist ausgeraubt, gefoltert und vergewaltigt wird – aber zum glück nur von einheimischen und nicht von der grausamkeit des betontourismus´- da kann ägypten doch tatsächlich auch ganz schön sein…

  5. nils 31/05/2010 um 15:06 #

    jo, da hast du recht!! (@philli)
    frag mich nur wie man das wohl umgehen kann. gar nicht mehr in den urlaub fahren, oder mit- und somit besser machen!?

    wer ist dieser nils hier vom 25.05. um 17:23? ich bins nicht… also der nils aus bochum.

    liebe grüße!

    • phillippine 04/06/2010 um 14:14 #

      ich denke, einfach diese übertriebenen urlaubstouriziele zu vermeiden, ist wohl die beste lösung. es bringt doch sowieso mer spaß sich ins auto zu setzen und richtung meer zu fahren und dann erst zu schauen wies weitergeht!
      keine ahnung, hasi, wer das is, aber der artikel scheint sehr nilsophil zu sein. schön!

      • nils 16/06/2010 um 15:52 #

        ja tatsächlich… anscheinend etwas, was uns nilse schon seit langem beschäftigt hat, und endlich spricht es mal jemand aus :)

        ich fahr auch lieber durch die gegend… so!

        jetzt les ich erstmal deinen lübeck artikel. du schweinebacke hast ja auf meine letzte nachricht in der studivo*ze nicht geantwortet, also muss ich mich mit deinen niedergeschriebenen gedanken zufrieden geben ;)

        bis bald!

        lg, nils aus bo

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